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Zwei Wochen Urlaub, Firmenhandy aus. Was ich dabei über Führung gelernt habe — und warum Ersetzbarkeit kein Mangel, sondern eine Führungsaufgabe ist.
Ich komme gerade zurück aus zwei Wochen Urlaub. Zeit mit meiner Familie, eine Woche davon mit Freunden in Italien. Mal weg, abschalten — im wahrsten Sinne des Wortes. Firmenhandy aus, kein LinkedIn, kein Facebook, keine Mails.
Also genau das, was ich meinen Klient:innen seit Jahren ans Herz lege. Practice what you preach gilt selbstverständlich auch für mich. Dass es nötig ist, alle Leitungen zur Arbeit zu kappen, um wirklich Kraft zu tanken, fand ich immer schon logisch.
Die Zahlen geben dem recht — und sie sind unbequem. Laut der aktuellen Ausgabe von Gesunde Arbeit (AK & ÖGB, 3/2026) sind über 80 Prozent der Beschäftigten außerhalb ihrer Arbeitszeit zumindest gelegentlich erreichbar, 23 Prozent sogar ständig. Gleichzeitig arbeitet die Hälfte der Erwerbstätigen unter starkem Termin- und Leistungsdruck.
Die Arbeitsmedizinerin Anna Arlinghaus und Marc Sobisch (XIMES) beschreiben dort, warum das so heikel ist: Erholung braucht Freizeit, die nicht durch ständige Erreichbarkeit unterbrochen wird. Fehlt das Abschalten, startet der nächste Arbeitstag bereits mit erhöhtem Erholungsbedarf — und die Arbeit wirkt umso stärker belastend. Wird das chronisch, entsteht ein Dauerzustand der Anspannung mit gesundheitlichen Folgen.
Erreichbarkeit im Urlaub ist also keine Fleißaufgabe. Sie ist ein Erholungskiller.
Es ist die Aufgabe guter Führung, jede und jeden ersetzbar einzuplanen.In meinen früheren Anstellungen habe ich beides erlebt: gute Führung — und das Fehlen davon. Und ich bin überzeugt: Es ist die Aufgabe einer Führungskraft, jede und jeden ersetzbar einzuplanen. Damit Menschen auf Urlaub gehen können. Damit sie sich erholen können. Damit sie zu hundert Prozent abschalten können. Und damit sie krank werden und krank zu Hause bleiben dürfen. In einem Angestelltenverhältnis darf und soll ich mir herausnehmen, „richtig" Urlaub zu machen, „richtig" krank zu sein und nicht erreichbar zu sein.
Was also soll dieses „Jeder ist ersetzbar — außer …"?
In einem Angestelltenverhältnis findet sich für jede Position ein Ersatz. Die einen sagen dazu „leider", die anderen „zum Glück". Ob die Stelle dann gut ersetzt wird, ist eine andere Geschichte — und wirft einen Rattenschwanz an Fragen auf. Etwa: Warum kann die Stelle nicht von einer Person gut ausgefüllt werden? Vielleicht, weil sie für eine Person viel zu umfangreich konzipiert war?
Ich habe das bei meiner ersten Anstellung nach der Uni selbst erlebt. Rein ins kalte Wasser: Projektleitung und Projektstart eines neuen Kurses — und zwar nicht nur inhaltlich, sondern vom Aufnahmeprozedere über die Teilnehmer:innenunterlagen und die Beschriftung der Mappen bis zur Korrespondenz mit allen Stakeholdern und der gesamten Dokumentation. Ich war morgens die Erste im Büro und abends die Letzte, die ging. Und es funktionierte. Gut. Zumindest die ersten Monate. Dann war ich am Ende und zog die Reißleine, bevor ich endgültig im Büro einzog.
Genau dieser Mechanismus ist kein Einzelfall. AK-Expertin Sybille Pirklbauer beschreibt ihn in der aktuellen Ausgabe von Gesunde Arbeit (AK, Ausgabe 3/2026) treffend:
„Erst wird die Schraube angezogen. Dann sieht man: Es funktioniert. Und dann bleibt man dabei.“Dass es funktioniert, ist eben kein Beweis dafür, dass es tragfähig ist. Es ist nur der Beweis, dass jemand die Last gerade noch hält.
Das schönste Kompliment kam von einem Teilnehmer, der allgemein als „schwierig" galt: „Am Anfang wollte ich nicht, dass du bleibst — und jetzt will ich nicht, dass du gehst." Nach seiner Mutter war ich übrigens die Erste, die er anrief, um von seinem mit Auszeichnung absolvierten Lehrabschluss zu berichten. Vor seinen bis dahin so wichtigen Freunden. Das hat mich wirklich gefreut. Und ein wenig freute es mich auch zu hören, dass es nicht ganz einfach war, Ersatz für mich zu finden — gefunden wurde er schließlich in Form von zwei Personen.
Genau da liegt der Unterschied zu meinen früheren Tätigkeiten. Dort hieß es im Urlaub nur „ich muss". Weil schlecht organisiert war. Weil unzureichend koordiniert war, wer zuständig ist. Immer wieder habe ich bei mir und bei anderen erlebt, dass Führungskräfte zu wenig darauf achten, wie Prozesse funktionieren und wer was wann macht. Ist dieser Schritt geklärt, können Menschen getrost in den Urlaub gehen und krank werden — um danach mit neuer Energie durchzustarten.
Und in der Selbstständigkeit? Da gilt etwas anderes. Das war nun mein erster längerer Urlaub als Unternehmerin — und hier zeigt sich: Ich bin nicht ersetzbar. Weil ich als Ein-Personen-Unternehmerin meine eigene Chefin bin. Weil sich Kreativität nicht am Strand abschalten lässt — und auch nicht im Gespräch mit Freunden. Weil ich meine Arbeit liebe und mich gern mit meinen eigenen Inhalten beschäftige. Und weil ich frei entscheiden kann: Will ich — oder muss ich?
Ich werde mir künftig die Freiheit nehmen, im Urlaub zu arbeiten. Allerdings mit einem kleinen inneren Regelwerk: Handy aus, Mails aus. Als Kommunikationschirurgin arbeite ich nicht am offenen Herzen — meine OPs lassen sich gut im Voraus planen.
Denn arbeiten heißt für mich in diesem Fall nicht abarbeiten, sondern denken. Und das lässt sich ohnehin nicht abschalten: Diesen Blogbeitrag habe ich gedanklich mehrfach rezitiert, während ich meinen Männern am Strand beim Drachensteigen zusah. Künftig schnappe ich mir dafür abends kurz den Laptop und halte solche geistigen Ergüsse fest, statt sie innerlich noch 357 Mal zu überarbeiten. Nicht weil ich muss — sondern weil ich kann und darf. Und weil ich als Einzelunternehmerin eben nicht ersetzbar bin.











